Kinder sind Botschaften, die wir in eine Zeit entsenden, die wir nicht
mehr erleben werden.
John W. Whitehead
Manuelle Therapie bei Kindern
Angaben
zum Inhalt der folgenden Seiten: Es handelt sich um eine Übersichtshomepage
von Dr. Robby Sacher zu den Themen Entwicklungsstörungen im Säuglings-,
Kleinkind-, und Schulalter, Kiss, Kidd, Schreikinder, Koordinationsstörung,
Kopfschmerzen, Hyperaktivität, Haltungsstörungen, Chirotherapie, manuelle
Medizin, Wahrnehmungsstörung.
Es wird dabei besonders Bezug
genommen zu den folgenden Oberbegriffen:
KISS
Der Begriff KISS steht für Kopfgelenk-Induzierte
Symmetrie-Störung und macht auf den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von
Fehlfunktionen im Bewegungsapparat und hier insbesondere am oberen Wirbelsäulenpol,
den so genannten Kopfgelenken, sowie der Entstehung von Entwicklungsstörungen
im Säuglings- und Kleinkindalter aufmerksam. Wir nennen solche Fehlfunktionen
Kopfgelenksblockierungen.
Die daraus resultierenden Entwicklungsstörungen
können vielschichtig sein und sind für sich allein genommen nie
typisch für eine KISS-Symotomatik. Erst die Kombination von derartigen Auffälligkeiten
lässt an eine KISS- Problematik denken. Daher sollten betroffene Säuglinge
und Kleinkinder immer beim Kinderarzt vorgestellt und diesbezüglich
untersucht werden.
Die meisten Säuglinge reagieren mit Haltungsauffälligkeiten.
Einige liegen wie ein "C" im Bettchen und schauen vermehrt in eine Richtung. Dadurch
plattet sich der Hinterkopf seitlich ab und es entsteht eine asymmetrische Schädelform.
Darüber hinaus kann man nicht selten eine Asymmetrie des Gesichtes erkennen,
oft erscheint eine Gesichtshälfte kleiner (KISS I). Andere überstrecken
sich stark und biegen sich nach hinten durch ("Flitzebogenhaltung"). Sie können
zwar mehr oder minder den Kopf in beide Richtungen drehen aber im Liegen wird
der Hinterkopf durch die fixierte Rückbeuge vermehrt belastet und es entwickelt
sich eine in der Mitte gelegene Schädelabplattung mit haarlosem kreisrunden
Gebiet, dem "KISS-Fleck" (KISS II).
Viele Säuglinge weisen
kombinierte Haltungsstörungen auf (z.Bsp. Kopfeinseitig gedreht und überstreckt),
oft ist jedoch eine Komponente führend.
Darüber hinaus entstehen
durch die Fehlhaltung auch motorische Auffälligkeiten, das Kind durchläuft
die Meilensteine der Säuglingsentwicklung verspätet oder in weniger
optimalen Mustern. Manche Kinder überspringen entsprechende Stadien sogar
oder ersetzen beispielsweise das Krabbeln durch "Po-Rutschen".
Häufig
bestehen so genannte vegetative Symptome. Auch hier können ganz unterschiedliche
Beschwerden auftreten. So berichten zahlreiche Eltern über abendliche Schreiattacken
ihrer Kinder, andere Säuglinge spucken vermehrt, sabbern viel oder es treten
ein-/beidseitige Stillprobleme auf. Einige schlafen schlecht und machen selbst
nach dem ersten Geburtstag die Nacht zum Tag. Manche Babys sind wiederum ganz
"brave" Kinder und fallen nur auf, weil sie "bewegungsfaul" sind und motorische
Entwicklungsrückstände bestehen.
Eine ausführliche Beschreibung
möglicher Symptome ist unter KISS I und KISS II zusammengefasst.
Das Konzept der Kopfgelenk-Induzierten Symmetriestörung soll auf
den Zusammenhang von Wirbelsäulenfehlfunktionen und Abweichungen von der
normalen Säuglings- und Kleinkindentwicklung hinweisen, da derartige Zusammenhänge
immer noch weitgehend unterschätzt werden. Wenn im Einzelfall eine solche
Relevanz nachgewiesen werden kann, bietet die Manuelle Therapie eine einfache
und risikoarme Behandlungsmöglichkeit. KISS I KISS I-Kinder weisen
eine Symmetrieabweichung in der Rechts- Links- Ebene auf. Sie schauen fast immer
nur in eine Richtung (z. Bsp. nur nach rechts) und neigen den Kopf leicht zur
Gegenseite (hier li). Durch die einseitige Lage plattet sich das Hinterhaupt schon
nach kurzer Zeit mehr oder minder stark ab (in unserem Beispiel rechts), es entwickelt
sich eine Schädelasymmetrie. Grund dafür ist der noch sehr weiche und
nicht verknöcherte Hirnschädel beim jungen Säugling. Immerhin nimmt
der Kopfumfang in den ersten 3 Monaten um 5-6 cm zu. Die Hirnentwicklung wird
durch diese Schädelasymmetrie nicht beeinträchtigt. Darüber hinaus
kann man bei vielen KISS I-Babys auch eine Gesichtsasymmetrie beobachten, dann
erscheint eine Gesichtshälfte kleiner. Im typischen Fall liegt diese auf
der Gegenseite der Hinterhauptabplattung, also bei unserem Beispielkind links.
Diese Gesichtsasymmetrie bildet sich nach einer Behandlung meist innerhalb von
wenigen Wochen zurück, die Hinterkopfabplattung braucht da schon wesentlich
länger (bis zum 5. Lebensjahr) oder bleibt bei ausgeprägten Befunden
auch darüber hinaus noch nachweisbar. Viele Kinderärzte empfehlen
den Eltern, das Köpfchen mit Polstern zu unterlagern oder das Bettchen umzustellen.
Bei sehr jungen Babys (Frühgeburten) oder solchen mit nur leicht ausgeprägter
Problematik reicht dies durchaus aus um eine Schädeldeformierung zu verhindern.
Neu – und Frühgeborene sowie sehr junge Säuglinge haben noch keine
ausreichende Kopfkontrolle und auch die Spontanmotorik ist noch nicht soweit entwickelt,
dass sie ihren Kopf ganz allein nach rechts und links drehen können. Hier
macht das richtige Lagern Sinn.
Liegt dem jedoch eine Funktionsstörung
der Kopfgelenke zugrunde, stellt sich die einseitige Kopfwendung recht schnell
wieder ein. Insbesondere entwickeln die Kinder ab cirka 3. Lebensmonat (8 Wo)
schon so viel Spontanmotorik, dass sie innerhalb kurzer Zeit wieder in ihrer gewohnten
(Zwangs-) Haltung liegen. Versucht man das Köpfchen vorsichtig zur Gegenseite
zu drehen, dann gelingt dies nicht ausreichend und ruft lautstarken Protest des
Kindes hervor. Auch bemerkt man beim Mützchen aufsetzen oder beim Hals waschen
eine Überempfindlichkeit im Nackenbereich.
Eine weitere wichtige
Auffälligkeit bei KISS I- Kindern im Säuglingsalter ist ihre C-Haltung,
die vom Kopf bis zum Becken reicht. Diese Schiefhaltung kann man in fast allen
Positionen finden, ob im Bettchen oder auf dem Schoß. Die Arme und Beine
werden oft an der Innenseite des "C" weniger bewegt und weisen Rückstände
in der motorischen Entwicklung auf. So kann man dann eine einseitige Faustungstendenz
der Hand (z. Bsp. beim Unterarmstütz jenseits des 3. Monats oder beim Handstütz
ab dem 6. Lebensmonat) finden. Insgesamt sind KISS I- Kinder oft motorisch entwicklungsverzögert
(nur einseitiges Drehen, asymmetrisches Robb- oder Krabbelmuster u.v.a.m.) ohne
dass ein Hirnschaden vorliegt. Nach einer entsprechenden Behandlung holen sie
daher ihre Rückstände schnell auf. Bei genauer Untersuchung können
auch Asymmetrien in der Grundspannung der Muskulatur zwischen rechter und linker
Körperhälfte festgestellt werden. Diese können zu Hüftreifungsverzögerungen
(meist an der Innenseite des "C"), "Po"-Faltenasymmetrien oder Auffälligkeiten
in Bezug auf die Fußstellung (z. Bsp. "Sichelfüßchen") führen.
Wenige KISS I- Kinder weisen nur diskrete Zeichen einer Entwicklungsstörung
auf oder zeigen wechselnde Haltungsauffälligkeiten. Auch hier sollte in Verbindung
mit dem Kinderarzt das weitere Vorgehen besprochen werden. Insbesondere in den
ersten 3 Lebensmonaten lösen sich viele "Verspannungen" auch spontan.
Länger bestehende Auffälligkeiten sollten jedoch nicht bagatellisiert
werden.
Die folgenden Symptomgruppen sind weder für ein KISS
I noch für ein KISS II typisch, insbesondere da ja die meisten Kinder (wie
bereits erwähnt) von beiden Komponenten etwas haben. Sie sollen daher gemeinsam
abgehandelt werden. Andererseits kann bei hier zugeordneten Kindern die Haltungsauffälligkeit
im Hintergrund stehen oder sogar fehlen.
Auch sei nochmals betont,
dass diese Auffälligkeiten ähnlich wie die o.g. Haltungsstörungen
durch viele andere Erkrankungen hervorgerufen werden können und immer einer
qualifizierten ärztlichen Kontrolle bedürfen.
Wie der
Name schon sagt schreien diese Babys sehr viel und lassen sich nur schwer (oder
nicht) beruhigen. Die Schreiattacken treten besonders abends und nachts auf und
halten meist einige Stunden an. Erfahrungsgemäß klingen diese Schreiphasen
bis zum 3. Lebensmonat ab und auch die begleitenden Blähungen verschwinden.
Doch wo ist die Grenze zwischen normaler Anpassung an das Leben außerhalb
der Gebärmutter und vielleicht anderweitigen Gesundheitsstörungen ?
In der Medizin geht man von einer natürlichen d.h..normalen täglichen
Schreidauer von weniger als 3 Stunden aus. Schreit ein Kind mehr als 3 Stunden
am Tag und das über mehr als 3 Tage hintereinander wählt man die Bezeichnung
Schreikind und empfiehlt eine entsprechende ärztliche Kontrolle. Diese hat
dann wiederum eine Fülle von wichtigen Erkrankungen zu berücksichtigen.
Trotz ausführlicher Diagnostik findet sich jedoch bei den meisten Kindern
kein krankhafter Befund und die Kinder werden nach Hause geschickt oder zur nächsten
Schreiambulanz. Nicht umsonst gilt die Dreimonatskolik in medizinischen Fachkreisen
als Mysterium.
Je weniger man den Beschwerden dieser Babys
ausgesetzt ist, wird man den Eltern raten abzuwarten bis sich die Natur selber
hilft. Angesichts schreiender Babys und verzweifelter Eltern ist hier jedoch ein
manualmedizinischer Behandlungsansatz gerechtfertigt. Anfangs berichteten die
Eltern bei der Kontrolluntersuchung ihres KISS- Kindes ganz nebenbei, dass "...übrigens
schon wenige Tage nach der Therapie auch die Schreiattacken verschwanden". So
zeigte sich im Laufe der Jahre, dass bei entsprechender Vordiagnostik mehr als
60 % dieser Babys durch Manualtherapie geholfen werden konnte.
Einige
KISS - Kinder ziehen sich tags und nachts derart an den Haaren, dass haarlose
Flecke entstehen oder sie schlagen in entsprechendem Alter immer wieder mit dem
Kopf ans Bettgestell. Auch dies kann Ausdruck der Überempfindlichkeit
in der Nacken- Kopfregion sein und verschwindet nicht selten nach erfolgreicher
Behandlung. Unter der Rubrik KIDD wird uns die Abneigung gegen Berührungen
bei älteren Kindern wieder begegnen.
Untrügliches Zeichen für
eine Mundschlussstörung mit vermehrtem Speichelfluss ist das fast obligate
Halstuch, das vermeiden soll, dass die Kinder mehrmals umgezogen werden müssen.
Hier bestehen nicht selten Steuerungsprobleme der Mund- und Schlundmuskulatur,
die auch durch Halswirbelsäulenfehlfunktionen mit ausgelöst werden können.
Ähnliches gilt für Schluckstörungen und häufiges Spucken.
Hier gilt es an andere Ursachen zu denken bzw. durch Lösung der bestehenden
Wirbelfunktionsstörung den Zusammenhang mit einer KISS – Problematik zu bestätigen.
Sie bedürfen in erster Linie immer einer ausführlichen kinderärztlichen
Untersuchung um insbesondere infektiöse und nichtinfektiöse Ursachen
auszuschließen oder zu behandeln. Dennoch findet man gelegentlich trotz
ausführlicher Diagnostik keine Ursache. Natürlich kann auch eine Wirbelsäulenproblematik
für sich genommen kein Fieber auslösen. Ähnliches gilt auch für
das "Zahnfieber". Nichts desto weniger haben viele Säuglinge im Rahmen der
Zahnung auch Fieberschübe. Mit anderen Worten können Babys bei ungewöhnlichen
Belastungen (Zahnen) in ihrer Infektabwehr derart geschwächt werden, dass
es zu unspezifischen Reaktionen des Organismus mit Fieber kommt. Vermutlich kann
auch die bestehende Kopfgelenksblockierung im Einzelfall eine solche ungewöhnliche
Belastung darstellen. Dies besonders dann, wenn weitere Faktoren (Umgebungswechsel
o.ä.) dazu kommen.
Ganz besonders Ein- und später Durchschlafstörungen
sind häufige "vegetative" Symptome von KISS–Kindern. Sie drehen und wenden
sich im Bettchen und schlafen erst ein, wenn sie ganz durchgeschwitzt sind. Manche
Eltern halten die Unruhe von ihren (Einzel-) Kindern für normal und wundern
sich erst nach der Behandlung, dass es auch anders geht.
Nach dem 12.
Lebensmonat beginnen die meisten Kinder sich hochzuziehen und zu stehen. Die wichtigste
Aufgabe des ersten Lebensjahres, die Vertikalisation (Aufrichtung), ist also gemeistert.
Dies auch, obwohl möglicherweise wichtige Entwicklungsetappen im Säuglingsalter
nicht ausreichend durchlaufen (asymmetrisches Robben/Krabbeln) oder übersprungen
wurden. Keine Wirbelsäulenfunktionsstörung kann solch eine (über-)lebensnotwendige
Entwicklungsphase verhindern oder stoppen. Bei zahlreichen Kindern wird diese
jedoch durch eine KISS–Problematik verzögert. Darüber hinaus findet
man bei unbehandelten KISS–Kleinkindern noch Reste von vegetativen Begleitsymptomen
(Sabbern, Schlafstörungen, Kopfschiefhaltung u.a.m) oder Zeichen von nicht
ideal erlernten Bewegungsabläufen, Koordination und Gleichgewichtsregulation.
Dies bemerkt man meist erst, wenn es schwierig wird. So kann das Treppensteigen
auch mit 4 Jahren immer noch auffällig sein, das Kind fällt häufig
hin, Dreirad- und Rollerfahren klappen nicht so richtig und auch das Klettergerüst
oder die Rutsche bereiten wenig Freude. Gleiches gilt für Malen, Türme
bauen, manche weisen sogar Höhenängste auf . Zusammenfassend kann
man sagen, dass sich Auffälligkeiten im Bereich der Fein- und/oder Grobmotorik
entwickeln können, die aufgrund der großen Varianz der Kleinkindentwicklung
nicht erkannt oder bagatellisiert werden.
Einige KISS – Kleinkinder sind
richtige "Racker". Nichts ist hoch-, schnell- und weit genug und niemand würde
an eine Koordinationsstörung denken wenn da nicht diese Probleme in der Dosierung
von Kraft wären ... . Meist kommen dann schnell Beschwerden aus dem Kindergarten
wegen Grobheit und anderem mehr.
Wieder andere sind im Kleinkindalter
vollkommen unauffällig und können ihre nicht ideal angelegten Muster
gut kompensieren. Erst im Vorschul- und Schulalter erhöhen sich die Anforderungen
derart, dass diese Kinder wieder auffällig werden.
Die Sprach
– und Haltungsentwicklung im Kleinkindalter Kinder, die im Säuglingsalter
vermehrt gesabbert oder gespuckt haben, entwickeln erfahrungsgemäß
auch häufiger Sprechstörungen. Entweder beginnt die Sprachentwicklung
(eine wichtige Aufgabe der Kleinkindentwicklung mit Beginn im Säuglingsalter)
verzögert, der Wortschatz kann vermindert sein oder die Aussprache ist weniger
verständlich. Viele Logopäden schicken uns mittlerweile ihre kleinen
Patienten weil ein Behandlungsfortschritt erst wieder nach manueller Therapie
zu verzeichnen war.
Eine Haltungsdiagnostik im Kleinkindalter ist schwer
durchzuführen und auch wenig zuverlässig da entsprechende Muster erst
jenseits des 4. Lebensjahres geprägt werden. Bei einigen Kindern sieht man
jedoch immer noch die Kopfschiefhaltung mit leicht asymmetrischer Haltung (KISS
I) oder es besteht infolge muskulärer Hypotonie eine vermehrte Hohlkreuzhaltung
mit vorgewölbtem Bauch und nach innen gedrehten Füßen (KISS II).
Wie schon zu erkennen ist, wird das Bild im Kleinkindalter "bunter" bzw.
verlagern sich die Schwerpunkte auch vermehrt in Richtung Wahrnehmung und Umsetzung.
Im Kapitel KIDD wird darauf noch weiter einzugehen sein.
KIDD
Im Vorschul- und Schulalter warten viele neue Herausforderungen
auf unsere Kinder. Die fein- und grobmotrischen Anforderungen steigen sprunghaft,
der Umgang mit Pinsel und Buntstiften muss gemeistert werden, Ballfangen, Einbeinstand,
Roller - und Fahrradfahren stehen auf dem Programm. Noch schwieriger wird es dann
beim Hampelmannsprung. Darüber hinaus werden zunehmend auch Wahrnehmungen
aus den unterschiedlichsten Bereichen, Erinnerungen und vielem anderen mehr zu
einem großen Ganzen. Es entwickelt sich beispielsweise das räumliche,
mathematische und zeitliche Vorstellungsvermögen.
Werden solche
komplexen Entwicklungsetappen gestört resultieren ähnlich komplexe und
uneinheitliche Auffälligkeiten. Dementsprechend vielfältig sind die
diagnostischen und therapeutischen Ansätze. Dabei kann ein und die selbe
Grundproblematik im Einzelfall sehr unterschiedliche Symptome hervorrufen. Im
Laufe der letzten Jahre hat sich gezeigt, dass auch Funktionsstörungen der
oberen Halswirbelsäule hierbei eine wichtige Rolle spielen können.
KIDD Dysgnosie und Dyspraxie sind im weitesten Sinne Formen von Wahrnehmungsstörungen,
die das Erlernen von Bewegungsabläufen beeinträchtigen oder das Aufrufen
von bereits gelernten Bewegungsabläufen verhindern. So kann beispielsweise
das Kind die mühsam am Vortag geübten Zahlen am Folgetag wiederum nicht
zu Papier bringen. Der obere Wirbelsäulenpol ist letzlich nicht nur für
Haltung und Bewegung verantwortlich sondern auch für Wahrnehmung. Wir
gehen heute davon aus, dass eine unbehandelte KISS-Säuglingsproblematik auch
später Entwicklungsstörungen nach sich ziehen kann (siehe KISS).
Haltungsstörungen und Sprachentwicklung Bei Haltungsstörungen
ist die Verbindung zur Wirbelsäule noch am einfachsten nachvollziehbar. Diese
können in Bezug auf die Vorne- Hintenebene mit Rundrücken, Hohlkreuz
und vermehrter Beckenkippung auftreten. Hier kommt es dann oft zur Einwärtsdrehung
eines oder beider Füße, meist ist auch die Grundspannung der Muskulatur
vermindert. Diese führt nicht selten zu einer wechselnd ausgeprägten
Schlaffheit der Muskulatur im Kau- Kieferapparat, in Extremfällen steht der
Mund immer offen und es kommt zu Störungen der Aussprache. Logopäden
(Sprachtherapeuten) schicken dann die Kinder zur Beurteilung und ggf. Behandlung
der Halswirbelsäule da sich gezeigt hat, dass viele Kinder davon profitieren.
Haltungsstörungen in der Rechts- Linksebene werden durch eine bis in das
Säuglingsalter zurück zu verfolgende Schiefhaltung des Kopfes oder einen
einseitigen Schulterhochstand mit "C" oder "S" förmigen Ausbiegungen der
Wirbelsäule auffällig. Hier wird man nach anatomischen Besonderheiten
wie Beinlängendifferenzen suchen oder die zugrunde liegenden Wirbelsäulenfunktionsstörungen
behandeln. Es gibt jedoch auch Fehlhaltungen, die andere Ursachen haben, je zeitiger
man darauf aufmerksam wird, desto effektiver ist die Therapie.
Fein-
und Grobmotorik Störungen der Fein- und Grobmotorik lassen sich meist
einfach erkennen. Erste Hinweise erhält man aus den mitgebrachten Haus –
Baum – Mensch Zeichnungen oder dem Schriftbild. Darüber hinaus wird man beispielsweise
das Einbeinhüpfen (4 Jahre), dem Einbeinstand (5 Jahre) und dem Zehenspitzenstand
kontrollieren. Später gibt dann auch der Hampelmannsprung wertvolle Aufschlüsse
über die koordinativen Fähigkeiten.
Kraftdosierung
Kinder, die ihre Kraftdosierung nicht richtig einschätzen können gelten
häufig als grob, haben Probleme bei "Turmbauen" , brechen Buntstiftspitzen
schnell ab .... . In der Turngruppe sind sie immer mit vollem Einsatz dabei wirken
jedoch etwas ungeschickt. Manche Eltern berichten über eine relative
Schmerzunempfindlichkeit ihrer Kinder, andere wiederum wissen, dass ihr Schützling
besonders empfindlich auf Hautreize (Unterwäsche, Strumpfhose) reagiert.
Dies kann dann bis zur Ablehnung von körperlichen Kontakten (in den Arm nehmen
oder Drücken) führen.
Verhaltensauffälligkeiten
Sie entstehen meist in Verbindung mit Vermeidungsstrategien. Wenn ein Kind genau
weiß, dass beispielsweise das Krabbeln durch ein Kastenteil nicht funktionieren
wird und die halbe Klasse lacht wenn das Kastenteil umfällt, wird es versuchen,
dieser Situation aus dem Weg zu gehen. Hier reichen die Reaktionen dann von Kaspern
bis zum Verweigern. Wie sich solch' eine Konstellation weiter entwickelt, kann
man sich dann leicht vorstellen.
Konzentrationsstörungen
Auch Konzentrationsstörungen können durch eine Vielzahl von Gründen
auftreten. In Bezug auf Wirbelsäulenprobleme kommen im Wesentlichen 2 in
Betracht. Zum Einen können am obersten Wirbelsäulenpol derart spezielle
anatomische Situationen auftreten, die zu einem Konzentrationsverlust bei längerer
Kopfvorbeuge führen. Selbst Kopfscherzen (Schulkopfschmerz n. Gutmann) können
resultieren. Hier hilft dann die Benutzung eines Schrägpultes beim längeren
Schreiben und Lesen (s.a. Rubrik Kopfschmerzen). Zum Anderen führen auch
Fehlfunktionen der oberen Wirbelsäule selbst nicht selten zu Konzentrationsstörungen
und lassen sich ggf. durch eine gezielte manuelle Behandlung beheben.
Hyperaktivität Überaktive Kinder sind meist schon durch viele
"Hände" gegangen, bevor an die Wirbelsäule als (Mit-) Verursacher gedacht
wird. Auch hier gilt natürlich, dass viele Ursachen solche Probleme hervorrufen
können. Liegen jedoch deutlichere Fehlhaltungen oder Verspannungen in verschieden
Abschnitten des Rückens vor, so werden die Kinder versuchen, durch Bewegung
diese auszugleichen. Eingangs wurde ja schon erwähnt, dass der Haltungsapparat
auch wichtig für die Wahrnehmung der Körperstellung im Raum ist. Bei
Abweichungen hier kommt es zu sog. kinästhetischen Wahrnehmungsstörungen.
Liegt dem eine Funktionsstörung am oberen Wirbelsäulenpol zu Grunde,
versuchen die Kinder diese Informationsverluste durch vermehrte Muskelbewegungen
zu kompensieren. Es entsteht das Bild des Zappelphilipps.
Kopfschmerzen
bei Schulkindern sind häufiger als allgemein angenommen und immer wieder
eine diagnostische Herausforderung. Vielen Kindern kann man bei vorliegender Funktionsstörung
der oberen Halswirbelsäule mit einer manuellen Behandlung gut helfen. Dabei
muss man aber betonen, dass auch andere Erkrankungen und psychische Einflüsse
eine wichtige Rolle spielen (s. Rubrik Kopfschmerz).
Sind Entwicklungsstörungen
bei Vorschul- und Schulkindern nachweisbar, so lohnt sich meist ein Blick auf
den "Rücken". Kinder erleben ihre "Haltung" (im übertragenen und eigentlichen
Sinn) oft viel intensiver als Erwachsene und setzen ihre "Erkenntnisse" auch im
täglichen Leben entsprechend um.
Kopfschmerzen
Kopfschmerzen treten bei Vorschul – und Schulkindern bzw.
Jugendlichen häufiger auf als allgemein angenommen. Meist lässt sich
nur schwer unterscheiden, wann Kinder 'lediglich' aus "Aufmerksamkeitsbedürfnis"
(!) über Kopfweh klagen oder sich dahinter Krankheitssymptome verbergen.
Manche reden auch kaum über ihre Beschwerden und erwähnen sie nur gelegentlich.
Eine Kopfschmerzsymptomatik sollte immer ernst genommen werden und zur
Vorstellung beim Arzt führen. Zur besseren Beurteilbarkeit empfiehlt
es sich einen Kopfschmerzkalender zu führen woraus hervor geht, wann (z.
B. nach der Schule), wo (z.B. Stirn) und wie stark (z.B. Skala 0-10) Beschwerden
bestehen. Kopfschmerzen haben viele Ursachen, die von Infekten über Sehfehler
bis zu psychischen Fehlbelastungen reichen können. Meist liegen sogar mehrere
Belastungen gleichzeitig vor und sorgen so dafür, dass der Körper nicht
alle Störeinflüsse ausregulieren kann. Eine familiär gehäuft
auftretende Migräne kann so beispielsweise durch eine sich entwickelnde Fehlhaltung
(letztlich) ausgelöst und andererseits behandelt werden. Im Weiteren sollen
nur Kopfschmerzformen erwähnt werden, bei denen auch an eine Wirbelsäulenkomponente
die Beschwerden (mit-) verursachen kann.
Der Schulkopfschmerz (n. Gutmann)
- meist Schulkinder - Kinder, die ihre Beschwerden im Rahmen des Schulunterrichts
entwickeln, bemerken erste Symptome schon nach wenigen Schulstunden. Am Ende des
Schultages haben diese dann meist ihren Höhepunkt erreicht. Legen sich die
Kinder etwas hin bzw. bewegen sie sich in den Pausen, so lassen die Kopfschmerzen
rasch nach und treten evt. beim Hausaufgaben machen wieder auf. Darüber hinaus
bestehen meist Konzentrationsstörungen oder die Schüler wirken sehr
unruhig. Viele stützen den Kopf beim Schreiben oder Lesen ab, liegen teils
halb auf der Schulbank oder erledigen ihre Hausaufgaben in Bauchlage auf dem Teppich
liegend. Bei diesen Kindern kommt es infolge der ausgeprägten Kopfvorbeuge
beim längeren Lesen und Schreiben zu einer Überlastung des Bandapparates
der oberen Halswirbelsäule. Im Röntgenbild lassen sich Hinweise für
eine derartige Problematik finden. Hier hilft dann prompt die Verwendung eines
Schrägpultes. Dadurch wird die ausgeprägte Vorbeuge des Kopfes reduziert
und die Kinder werden symptomfrei. Die Schrägstellung der Arbeitsfläche
sollte dabei etwa 20° betragen. Manche Schulkinder haben jedoch im Laufe der Zeit
schon Funktionsstörungen der oberen Halswirbelsäule (anhaltende Überlastung)
entwickelt, diese sollten dann entsprechend gelöst werden.
Blockierungskopfschmerz
– Kinder und Erwachsene - Beim Blockierungskopfschmerz findet sich ein
variabeles klinisches Bild. So können die Kopfschmerzen schon früh am
Morgen auftreten, meist klagen die Kinder jedoch im Laufe des Tages über
zunehmende Beschwerden. Diese können auch erst in Verbindung mit körperlichen
Belastungen (Sport) auftreten. Gelegentlich sind auch witterungsabhängige
Verläufe zu beobachten. Eine entsprechende Diagnostik im oberen Halswirbelsäulenbereich
und ggf. erfolgreiche Behandlung beweist dann diesen Zusammenhang. In diese
Gruppe gehören einige unserer KISS-/KIDD-Kinder. Solche Blockierungskopfschmerzen
können aber posttraumatisch nach einem Unfall oder Sturz bzw. nach Operationen
in Vollnarkose auftreten.
Migräne - Kinder und Erwachsene -
In der Medizin geht man von unterschiedlichen Migräneformen aus und auch
die Auslösemechanismen können sehr variabel sein. In der Regel begleiten
Übelkeit und Brechreiz die Schmerzattacken, gelegentlich tritt auch eine
Überempfindlichkeit gegen Licht auf. Hier finden sich dann oft mehrere zugrunde
liegende Ursachen. Diese reichen von einer familiären Komponente über
Nahrungsmittelunverträglichkeiten bis hin zu psychischen Auslösefaktoren.
Im Einzelfall wird man schauen müssen, welche Faktoren man ausschalten kann
und dies dann in die therapeutischen Überlegungen mit einbeziehen. Zu den
häufigsten wirbelsäulenbedingten Begleitursachen zählen wiederum
die Fehlhaltung mit seitlichen Ausbiegungen der Wirbelsäule und Funktionsstörungen
(Blockierungen). Diese lassen sich dann entweder durch einen sog. Statikausgleich
(z. B. eine Schuherhöhung bei Beinlängendifferenz) oder durch manuelle
Lösung der Blockierung behandeln.
Verspannungen im Kau- Kiefer-
Bereich - Jugendliche und Erwachsene - Überlastungen der Kieferregion
können Kopfschmerzen hervorrufen. Meist sind Jugendliche oder Erwachsene
betroffen. Dabei spielen zahnärztliche Probleme, gelegentlich auch kieferorthopädische
Fehlregulationen aber auch vermehrtes Zähne zusammenbeißen bis hin
zum Zähneknirschen eine wichtige Rolle. Letzteres hat dann auch wieder eine
psychische Komponente ("Du musst die Zähne zusammenbeißen", "... sich
durchbeißen", "verbissen oder zerknirscht sein"). Typisch sind hier vor
allem morgendliche Kopfschmerzen, die meist schon in der Nacht beginnen. Eine
zahnärztliche/kieferorthopädische Kontrolluntersuchung, die Verordnung
einer sog. Aufbißschiene, das Überdenken einer kieferorthopädischen
Zahnregulation aber auch die Behandlung der verspannten Kau- Kiefer- Muskulatur
stehen dann im Vordergrund der Therapie.
Behandlung
Die chirotherapeutische Behandlung (chiros=die Hand) ist sicherlich
die effektivste Form zur Lösung der zugrunde liegenden Halswirbelfunktionsstörung.
Dabei werden manualmedizinische (was letztlich das Gleiche bedeutet) Handgriffe
angewandt. Doch bevor es soweit ist, müssen Voruntersuchungen durchgeführt
werden. Bei uns erhalten die Eltern in der Praxis einen Anamnesebogen auf dem
sie Fragen zur Schwangerschaft, Geburt und anderem mehr ausfüllen. Zur Voruntersuchung
gehört auch ein Röntgenbild der oberen Halswirbelsäule des Säuglings/Kleinkindes.
Dieses Bild dient einerseits dem weitgehenden Ausschluss von Fehlbildungen am
oberen Wirbelsäulenpol und andererseits auch der Wahl der Behandlungstechnik.
Ohne diese Vordiagnostik führen wir keine Behandlung durch, da es Kinder
mit speziellen Halswirbelkonstruktionen gibt, die eine Behandlung verbieten oder
besonderer Behandlungstechniken bedürfen. Viele Eltern haben Bedenken,
ihre Kinder der Strahlenbelastung beim Röntgen auszusetzen. Wir glauben jedoch,
dass der Nutzen den Aufwand rechtfertigt. Einerseits sind die Informationen des
Röntgenbildes für die Diagnostik und für eine schonende Behandlung
von großem Wert. Andererseits sind die modernen Röntgenanlagen und
-filme soweit entwickelt, dass die dabei auftretende Strahlenbelastung sehr klein
ist. Vergleicht man beispielsweise die Strahlendosis einer Halswirbelsäulenaufnahme
mit der entsprechenden Strahlenbelastung durch die kosmische Strahlung bei einem
Flug von Berlin nach New York, so föllt diese beim Röntgen deutlich
niedriger aus. Dennoch sollte man sich bemühen, möglichst sparsam zu
Röntgen. Daher empfiehlt es sich, dass 2 erwachsene Angehörige das Kind
zu dieser Untersuchung begleiten um durch gute Positionierung Fehlaufnahmen zu
vermeiden.
In der täglichen Praxis hat sich bewährt, Fotografien
der zu behandelnden kleinen Patienten anzuschauen. Oft sieht man dann schon immer
wiederkehrende Haltungsauffälligkeiten oder anderes mehr. Daher lohnt ein
Blick ins Fotoalbum. Besonders spannend ist die Untersuchung der Kinder im Sprechzimmer.
Hier schaut man, ob das Röntgenbild, die Fotos, die beschriebenen Auffälligkeiten
und der Untersuchungsbefund zusammenpassen. Auch kann man feststellen, ob und
inwieweit das Kind entwicklungsverzögert ist. Die eigentliche Behandlung
nimmt die geringste Zeit in Anspruch und viele Eltern fragen dann (sichtlich erlöst)
"Was, war das schon alles?". Viele Babys nehmen die Untersuchung und Behandlung
relativ unbeeindruckt hin. Andere beschweren sich schon, wenn man das Kind in
den Arm nimmt oder den Nacken berühert. Das sind oft Kinder, die schon beim
Mützchen aufsetzen oder Hals waschen protestieren. Zurück im heimatlichen
Hafen (will sagen auf dem mütterlichen Arm) lassen sie sich jedoch meist
schnell wieder beruhigen.
Die Tage danach Nach der Behandlung
folgt eine Reaktionsphase, die bis zu 3 (4) Wochen dauern kann. Hier berichten
die Eltern über unterschiedliche Reaktionen ihrer Schützlinge. Die Haltungsmuster
symmetrisieren sich, sie schlafen entspannter, die Bauchlage wird akzeptiert oder
das Spucken trat nicht mehr oder nur noch selten auf. Auch fallen die ersten motorischen
Fortschritte in diese Zeit. Andere Eltern werden jedoch noch mal auf eine
Geduldsprobe gestellt. So kann sich eine Schreiproblematik in den ersten Tagen
verstärken um nach und nach zu verschwinden. Ähnliches gilt für
die Fehlhaltung. Auch diese kann initial zunehmen. Am besten lässt man dann
die Kinder reagieren und schaut wie sich das Ganze entwickelt. Wir haben die Erfahrung
gemacht, dass diese vorüber gehende Phase nur einige Tage anhält und
der gewünschte Effekt sich mit einer Latenzzeit von 2-3 Wochen dennoch einstellt.
Wichtig ist in der Zeit der Reaktionsphase auf weitere therapeutische Reize zu
verzichten. Darum empfehlen wir auch wenigstens 2 Wochen lang keine Krankengymnastik
durchzuführen.
Eine Kontrolluntersuchung beim Kinderarzt ist für
2-3 Wochen nach der Therapie vorgesehen. Hier kann dann auch festgelegt werden
ob eine weitere krankengymnastische Beübung notwendig ist.
Etwa 80
% aller behandelten Säuglinge benötigen nur eine manuelle Behandlung,
bei einigen ist jedoch eine zweite Therapie notwendig, da der Effekt entweder
nicht ausreichend war oder die Kinder noch mal in ihr altes Muster zurückgefallen
sind. Die Ursachen hierfür können sehr vielschichtig sein. Selten
werden uns Säuglinge auch mehrmals im Laufe des ersten Lebensjahres vorgestellt.
Hier bestehen dann meist leichte anatomische Besonderheiten am oberen Wirbelsäulenpol
oder es entwickeln sich zusätzliche neurologische Auffälligkeiten die
Haltungsstörungen hervorrufen können. Dann ist die KISS - Problematik
untergeordnet und als Begleitfunktionsstörung aufzufassen.
Weitere
Entwicklung
Nach dem die Reaktionsphase
abgeklungen ist, erfolgt eine Kontrolluntersuchung beim Kinderarzt. Hier kann
dann auch entschieden werden, ob das Kind noch Krankengymnastik oder ähnliches
benötigt. Nicht immer normalisieren sich die motorischen Muster der Säuglingsentwicklung
spontan. Um die Kinder dann entsprechend zu unterstützen wurden in der Medizin
verschiedene Beübungskonzepte entwickelt (z.Bsp. Krankengymnastik nach Bobath
oder Vojta, aber auch Ergotherapie, sensomotorische Integration kurz "SI-Therapie").
Welche Form der Behandlung beim jeweiligen Säugling angewandt werden sollte
entscheidet der Kinderarzt meist in Absprache mit der/dem Krankengymnastin/en.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass es sinnvoll ist KISS-Kinder nochmals
zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr sowie vor Schulbeginn nachzuuntersuchen. Dabei
werden neben der Funktion des Bewegungsapparates die Haltung sowie die fein- und
grobmotorischen Fertigkeiten kontrolliert.
Eine krankengymnastische Behandlung
im Kleinkindalter (ab 1. Lebensjahr) ist meist nicht ganz einfach da die Kinder
nun schon gelernt haben, ihrer (Un-)Lust Ausdruck zu verleihen. Alternativ stehen
dann jede Form des Gleichgewichtstrainings wie auf den Schultern tragen , Übungen
auf dem Therapieball und vieles andere mehr zur Verfügung. Später bietet
sich an, in Kinderturn- und tanzgruppen etc. die weitere Entwicklung der Kinder
zu fördern.
Historie
Die Handgriffbehandlung von Kindern lässt sich nicht
exakt zurückverfolgen, sicherlich gab es Heilkundige , die schon vor langer
Zeit hier und dort "Hand anlegten". Ähnliches gilt für Haltungsabweichungen
bei Säuglingen und Heranwachsenden. So finden sich in Polynesien Amulette
mit "Schiefhalsabbildungen", sie sollten den schlechten Einfluss der Geister von
Verstorbenen abhalten. Der Pariser Chirurg N. Andry machte in seiner "Orthopädie"
von 1728 (orthos = gerade; pädeios = das Kind) erstmals auf die Zusammenhänge
von Haltungsstörungen und geburtsmechanischen Problemen aufmerksam. Später
konzentrierte sich die Medizin darauf, bei "Schiefhalskindern" einen Halsmuskel
(Sternokleidomastoideus) zu durchtrennen oder die Kinder wegen ihrer Fehlhaltung
in speziellen Vorrichtungen anzuschnallen und einzuspannen. Berühmtes Beispiel
ist der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859-1941), der infolge einer äußerst
schwierigen Geburt aus Steißlage und manueller Kindswendung eine Nervenlähmung
des linken Armes erlitt und nach der Geburt einen Schiefhals entwickelte. Auch
hier wurde eine zweimalige Durchtrennung des Sternokleidomastoideus im Alter von
6 Jahren erforderlich. Später wurden verschiedene Begriffe für die Fehlhaltung
von Säuglingen wie "Säuglingsskoliose", "Schräglagedeformität"
aber auch "Siebenersyndrom nach Mau", um nur einige zu erwähnen, verwendet.
Zumindest der Orthopäde Mau wies auf über die Haltungsstörung hinaus
gehende Auffälligkeiten wie Fußdeformitäten und Hüftdysplasien
hin. Die Manualmedizin wurde im Wesentlichen über einen kleinen Umweg
auf Wirbelsäulenfunktionsstörungen bei Kleinkindern und Säuglingen
aufmerksam. So stellte sich die Frage, wie weit man Haltungsstörungen von
Erwachsenen und Jugendlichen zurückverfolgen kann. Dementsprechend berichtete
Gutmann schon in den 50'er und 60'er Jahren über seine Beobachtungen, Befunde
und Behandlungsmöglichkeiten im frühen Kindesalter. Da diese jedoch
in der medizinischen Welt wenig Beachtung fanden, dauerte es nochmals fast 30
Jahre, bis genügend Erfahrung und ausreichende Fallzahlen dem einst noch
unscharfen heterogenen Bild der funktionellen Wirbelsäulenstörungen
bei Kindern erkennbare Konturen verliehen. Daher konnten Gutmann und Biedermann
und später Biedermann allein das Wissen um diese Zusammenhänge konkretisieren,
was 1990 zur Veröffentlichung unter dem Namen KISS – Syndrom führte.
In der Zwischenzeit sind bei uns mehr als 30.000 Kinder untersucht und behandelt
worden, und dennoch ist nicht alles klar, nicht alle Fragen sind beantwortet.
Weiterhin finden Sie umfangreiche Informationen zu: Kiss Kidd Schreikinder Koordinationsstörung Hyperaktivität
Haltungsstörungen Chirotherapie manuelle Medizin Wahrnehmungsstörung
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